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13.11.2011, Eine weltoffene Kommunardenresolution oder mal über die Selbstschussanlage gegrüsst...



29.10.2011, Das Leben ist schön (La Vita è bella)

Wieder mal 'ne Rezi? Nein, nur Wortfetzen. Es geht um einen oskargeschmückten Film von Roberto Benigni aus dem Jahr 1997. Wen folgende Worte ansprechen...der sollte ihn ansehen.

Ambosse
die Kinder Benito und Adolf
der Zug
Schopenhauer
Schneewittchen
Knöpfe
Grazie
7 Zwerge
7 Minuto
Prinzessin
Seife
Rassenmanifest
Fascista Perfetto
Gewinner
etruskische Fessel der Präfekt
Maria
ein jüdisches Pferd
Offenbach
der Panzer
Signoria Dora
Torte Äthopia
Entenküken
Giosue
Guido
Marmeladenbrot
Lager
1000 Punkte
10000 Grad
Ofen

Eine seriöse Rezension: David Walsh meint: "Ziel verfehlt"

Ich meine: "Bunga, Bunga und wählt die Muschi- Partei!"

27.09.2011, Die Battle: Chotjewitz meets Gorgonski (Auszüge)

Ausgerechnet Charles Darwin! Warum nicht Bakunin? Ich hab' die Grippe, im Rheinland tobt der Hurrikan Willy, und du willst wissen, was ich von der jüngst erfolgten Rehabilitierung des Darwinismus durch die katholische Kirche halte. Haste kein anderes Thema? Pornos mit Zsa Zsa Gabor, Allerheiligen, Kormoran beißt Sportangler, Saddam war Sitzpinkler, die Abenteuer einer Büroklammer oder so was?
..."Leute, zerbrecht euch nicht die Köppe, wie aus einem Pantoffeltierchen ein Pantoffelträger mit Kartoffelchips und Fernbedienung werden konnte. Gott hat die Welt erschaffen. Nich' Marx oder Darwin. Die haben sie nur erklärt." Das ist vermutlich auch der Grund, weshalb die Lehren Darwins bislang verboten waren: Weil sie sowieso keiner begreift. Gut und Schön, Selektion, da kann man sich was drunter vorstellen: KZ-Arzt an der Bahnsteigkante. Die Gesunden zu BASF in die Werkshalle, die Kranken und Schwachen werden sofort ermordet.
...



...Im Grunde geht die Tendenz der Evolution sowieso mehr auf Ausrottung, also womit die christlichen Kirchen Erfahrung haben. Die Urbevölkerungen sind praktisch bis auf wenige Reste missioniert, und die meisten Tier- und Pflanzenarten sind auch vom Aussterben bedroht. Da kann man ruhig sagen, dass die Dinge sich früher darwinistisch entwickelt haben. Etwa bis in die jüngere Steinzeit.
Obwohl: Wunder gibt es immer wieder. Nimm nur mal die Seele, die in der Evolutionstheorie nicht vorkommt. Mein großer Bruder Paul zum Beispiel war neben seiner Tätigkeit als Sattler stets ein überzeugter Agnostiker. Wohnte damals in der Zillestrasse. Ich schlief inner Küche aufm Sofa.
Nu' gab es Anfang der zwanziger Jahre in den Berliner Hinterhöfen überall noch Viehställe. Eines Tages sagt seine Frau Hilde zu mir: "Otto, Essen is' fertig." Ich also rüber zu Höcks Weinstube, wo er damals hauptsächlich verkehrte: "Paule, essen is' fertig." Er störrisch wie immer: "Hab' keinen Hunger. Bring mir 'ne Stulle.".
Ich hab'n dann doch aus der Budike gekriegt, und wie wir über'n zweiten Hof torkeln, liegt da plötzlich 'n Schwein. Im Sterben. Wir halten inne, lauschen andächtig seiner Agonie, und wie es tot is', sehen wir aus seinem Maul eine kleine Wolke aufsteigen und über dem Schwein schweben.
Dein Onkel stammelt: "Ottel! Sieh nur! Dem Schwein seine Seele!"...

16.08.2011, thomy ist "Echt Erzgebirge"...



...zumindest was landläufige Meinungen anbelangt. In seiner Schaffensphase als Satireschreiber und Massivkritiker der bestehenden oder zu erwartenden Verhältnisse sorgt er immer wieder für Knüllerartikel auf dem "Cover" des "Blitzpunkt", einem Wurschtblatt bzw. einer Beilage der Nettopennypfennigpfeiffermatratzencenter- Werbewurfhefte in den Briefkästen der "Deitsch un frei woll mer sei"- Erzgebirgler.



Nun...thomy ist ein Poet im ausgeleierten Jogginganzug und ich bitte Nestle und Thomy-Senf, Thomymayonnaise und Thomy- Gratin- Saucen diesen Unhold nicht zu verurteilen.
Denn "Thomy"- Produkte sind auch für Asiaten brauchbar, die auf ihren umgefallenen Sack Reis schwören, wie wir Europäer auf die stürzenden Mülltonne.
In diesem Sinne "Senf Heil!"


29.07.2011, Grüsse an die Schnüffler und Bookwormbitches


11.06.2011, Keine deduktiven Axiome zur Blauen Stunde in Leipzig

Ein Hornrabe mit Hornbrille stolzierte…ein Mensch von boshaftem Wuchs fuhr die Sparkassen des Umlandes an, um frevelhafterweise seine Geldbörse und seinen Tank zu füllen.
Vergeblich.
Die Bildschirmtexte pendelten zwischen "Heute leider keine Auszahlung mehr möglich" und "Ihr Konto ist auf Diät", oder so ähnlich. Also doch irgendwie Resteverwertung. Ich fummelte aus dem Chaos von Apothekenzuzahlungsquittungen, Zahnarzterinnerungskärtchen und klein geschnittenen Visitenkartons noch zwanzig Euro heraus.
Getragen vom hohen Lied des Keilriemens, der Benzinpumpe…irgendeines Teils der Rädermaschine, welches mein musikumrahmtes Autogenes Training nicht mochte, schlurfte ich über menschenleere nächtliche Strassen.
Rauchend. Müde. Durchweht vom Wind der Einsamkeit.
An einer Nachttanke füllte ich für 16,89 Euro Treibstoff auf.
Leipzig kam näher.
Die Bleischwere nach sechs Spätschichten am Stück packte mich im Genick und drückte mir den Hals zu.
Irgendwann AGRA-Gelände Markkleeberg. Gelbe Nachttaxen in allen Größenauswüchsen buhlten um herumlungerte schwarze Gestalten.
Herrje, Menschen!
Ich verfuhr mich gen Wachau und Telmap auf dem Handy bekam keine Verbindung in die Zentrale, wo sicher Hundertschaften von Zombies die Routen berechnen und für jeden individuell Kabelstränge ziehen und aus Tausenden von Löchern die richtige Plug-and-drive-Lösungen eruieren.

"Goethesteig aus Richtung AGRA-Gelände, verlängerte Matzelstrasse."

Die Botschaft aus dem geheimen und efeuumrankten Briefkasten saß so fest in mir, wie ein eingetrockneter Linseneintopf, der blass und erschöpft die Küchendecke anstiert.
Ich fand den Goethesteig und eine Bordsteinkante mit entsprechender Lücke.
Ich stülpte mir meinen Rucksack über.
Ich lief los.
Falsch herum.
Ich ließ Zombies stöpseln.
Ich kam in einen Park und hörte Musik.
Keine Zugangsberechtigung.
Kein Bändchen am Handgelenk, dafür ein stacheldrahtumwickeltes Herz im Inneren. Irgendwann fand ich die Fackeln der "Blauen Stunde". Musik und schemenhafte Gestalten. Ich setzte mich und trank aus meiner Cola-Flasche und beglückwünschte die Brühe des Obstsalates für den erfolgreich vollzogenen Ausbruch aus dem umfunktionierten Fertigkartoffelsalatbecher.



Die Digicamtasche zürnte deswegen mit mir. Hätte ich nur wochenlang eingetrockneten Linseneintopf im Becher gehabt. Der ist zwar nicht wechselwarm, aber ausgesprochen nachdenklich und unentschlossen, was Ausbrüche anbelangt. Ich unterfütterte meinen Hintern mit einem Pullover und saß fortan im Schatten der Nacht.
Rauchend. Müde. Durchweht vom Wind der Einsamkeit.
Der Obstsalat verschwand in meinem Magen, die klebrig-süße Brühe blieb im Rucksack. Die Wiese wurde klamm und klämmer und ich wickelte mir den feuchten Pullover um die Schultern.
Bang schrieb ich eine Textnachricht auf dem Mobiltelefon, adressiert an eine verlorene Teuerste, die mir, selten zwar, ihr Gehör darreichend zuneigt. Zweifelnd jedoch, ob gewisser Boshaftigkeiten des betreffenden Herrn, der inzwischen das Fackelfest verlassen hatte und berucksackt über die Reling blickte…auf die Autobahn, leer, schwarz…dennoch voller Markierungen und Hinweise…ach, wäre doch alles so mit Pfeilen und hilfreicher Hände gespickt, wie in "Die fabelhafte Welt der Amelie"…
Mit quietschendem Keilriemen, oder was weiß ich, nahm ich beide Spuren…kreuz und quer, als wollte ich diese Linien und Begrenzungen zerstören.
Noch 46 Kilometer bis Chemnitz, noch zusätzliche 28 bis ins Bett.
Müde. Rauchend. Durchweht vom Wind der Einsamkeit.
Als ich vor meiner Kate stand, zwitscherten die ersten Vögel. Der umfunktionierte Kartoffelsalatbecher machte Bekanntschaft mit Besteck, vorwiegend Kaffeetassenlöffel und begrüßte den Linseneintopftopf.
Blökend grunzten fünf oder sechs Linsen, die sich vor der Eintrocknungsphase zusammengeschlossen hatten, den Becher an.
"Kannst ja nicht mal was festhalten, lässt alles laufen, du Idiot!"
Ich kippte die Fenster an und sank aufs Bett. Und während sich in der Küche die Streitparteien längst versöhnt hatten, griff ich in meinem Kopf nach dem Wort "Schleusenbekanntschaft" und zog daran, wie an einem Kaugummi.
Wenn dieser reißt, klebt man die Enden wieder zusammen und zieht erneut daran. Und ich zog und knetete und die Vögel zwitscherten und in der Küche sangen inzwischen einstige Feinde gemeinsam freche Lieder…

03.05.2011, Der 1.Mai an der Rochhausmühle in Bildern

























Videosequenzen:


1.Mai 2011: Rochhausmühle b. Grünhainichen - MyVideo

18.03.2011, Die Battle: Dostojewskij meets Gorgonski (Auszüge)

...Sametow stand nach dem Pissen noch auf dem Scheißhaus und horchte in sich hinein. Diese wundersame Diskussion für und wider den Utilitarismus, die den Kommunen in Petersburg regen Zulauf brachte, war ihm auf die Blase geschlagen. Träge zappelte eine Spinne in der Ecke über dem blinden kleinen Fenster, das angekippt war, aber bei der Hitze den Fäkaliengestank eher in die Defäkierzelle drückte anstatt ihn in den Großstadtabend hinauszukotzen.
Im Hof schrie ein Kind. Er zog seinen Schmerbauch ein und schloss den Hosenbund. Danach legte er den Holzdeckel auf das Abtrittloch. Nebenan öffnete jemand die Tür zum Nachbarlokus. Er trat aus seiner Zelle und spähte in den Flur. Die stickige Luft und die Tageshitze schienen sich hier zu potenzieren. Viele Mieter und Untermieter hatten ihre Türen offen stehen und aus den Wohnungen quoll Tabakrauch und das Gezeter der Mütter, die ihre Kinder zu Bett bringen wollten. Oft waren es vier, die, angeordnet wie Werkzeug in einem wohl sortierten Koffer eines Zimmermannes, sich eine Schlafstatt teilen mussten.



Ihre Körperwärme, der Sommer und der Lärm der Betrunkenen in den Hinterzimmern, die sich um Geld, Wodka oder die Tochter der Mutter stritten (meist hing alles irgendwie zusammen und war Folge diverser Spielschulden, die sich aus schmutzigen und gezinkten Würfel- und Kartenspielen ergaben) ließen die oft unterernährten Kinder traurig an die verrußten Zimmerdecken blicken, während die Mütter beim Kerzenschein Hosen und Socken flickten.
Seufzend rückte Sametow seine Weste zurecht und blickte blind auf seine Taschenuhr, bevor er sie in die Taschenuhrtasche zurückbeförderte und das an der Uhr befestigte Kettchen, dessen Ringende durch ein Knopfloch an der Weste befestigt war, ausrichtete.
Er trat durch die offene Tür ins dunkle Zimmer, das nur durch einen Kerzenstumpen, der ohne Kerzenhalter in seinem eigenen Wachs auf dem schäbigen Tisch von Rodja Raskolnikow ruhte, mühselig erhellt wurde.
Porfirij schritt die drei Meter von Wand zu Wand und hatte dabei die Hände hinter seinem Rücken verschlungen. Rasumichin rauchte eine gedrehte Zigarette und blies den Rauch in den Lichtkegel über der Kerze, wo er sich so nach und nach auflöste. Daneben lag Rodja mit dem Gesicht zur Wand auf einer Art Pritsche. Sein Haar war schweißnass vom Fieber der letzten Tage und seine Gedanken unheilvoll und heiß. Er war angespannt und aufmerksam, gab dies aber nicht zu verstehen. Eher versuchte er gleichgültig zu liegen, ja fast reglos zu sein. Man hätte ihn als Verstorbenen sehen können, würde er auf dem Rücken liegen und nicht so penetrant schwitzen. Die Augen verbarg er hinter den Lidern, doch was machte das schon, denn die verblichene Tapete, vor seinem verweigerten Blick, hätte nur die ausgebleichten Muster jener selbst im flackernden Schein des Kerzenlichtes offenbart.
Sametow durchschritt die Laufbahn des Untersuchungsrichters Porfirij und lehnte sich rückwärts ans offene Fenster. Porfirij hatte das Wandende erreicht und drehte sich auf dem Absatz um. In Richtung Raskolnikow gewandt griff er den, durch das Eintreten Sametows unterbrochenen, Gesprächsfaden wieder auf.
"Mit einem Wort, wenn Sie sich erinnern, es findet sich eine Bemerkung darüber, dass es Personen auf der Welt gäbe, die könnten, dass heißt nicht nur, sie könnten, sondern sie hätten geradezu das Recht auf jegliche Ausschreitung, auf jegliches Verbrechen, als sei das Gesetz für sie nicht geschrieben."



Raskolnikow schlug die Augen auf, um sie gleich danach zu Schlitzen zu verengen. Dann lachte er heiser über die gewaltsame und vorsätzliche Entstellung seiner Idee.
"Wie? Was ist das? Recht auf Verbrechen? Aber doch nicht etwa, weil DAS MILIEU schuld ist?", erkundigte sich Rasumichin, leicht in Schrecken versetzt.
"Nein, nein, gar nicht deswegen", antwortete Porfirij. "Alles dreht sich darum, dass sich in seinem Artikel die Menschen aufteilen in GEWÖHNLICHE und UNGEWÖHNLICHE. Die gewöhnlichen müssen in Gehorsam leben und haben kein Recht, das Gesetz zu übertreten, weil sie eben gewöhnlich sind. Die ungewöhnlichen jedoch haben das Recht, jegliches Verbrechen zu begehen und das Gesetz auf jegliche Art zu übertreten, eben deswegen, weil sie ungewöhnlich sind. So ist es doch, wenn ich mich nicht irre?"
"Ja, wie denn? Es kann nicht sein, dass es so ist", murmelte Rasumichin verwundert. Raskolnikow lachte wieder. Er entschloss sich die Herausforderung anzunehmen und drehte sich seinen Besuchern zu. Mühsam stütze er den linken Ellenbogen auf die Pritsche und den Kopf in die linke Handfläche.
"Das steht bei mir nicht ganz so", begann er einfach und bescheiden. "Ansonsten, das gebe ich zu, haben Sie ihn fast richtig wiedergegeben, sogar, wenn Sie wollen, vollständig richtig." Es war ihm geradezu angenehm, sich mit der Richtigkeit der Wiedergabe einverstanden zu erklären. "Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich überhaupt nicht darauf bestehe, die ungewöhnlichen Menschen müssten unbedingt und notwendigerweise alle möglichen Ausschreitungen begehen, wie Sie gesagt haben. Mir scheint sogar, dass ein solcher Artikel nicht in den Druck gelangen würde. Ich habe nur ganz einfach angedeutet, dass der UNGEWÖHNLICHE Mensch das Recht hat…das heißt, nicht das offizielle Recht, sondern für sich selbst das Recht in Anspruch nehmen kann, seinem Gewissen zu erlauben…über einige Hindernisse hinwegzusteigen, und zwar einzig in dem Fall, wenn die Durchführung seiner Idee- die vielleicht einmal segensreich für die ganze Menschheit ist- das verlangt. Sie waren so nett zu sagen, mein Artikel sei undeutlich; ich bin bereit, Ihnen den Inhalt soweit wie möglich zu erläutern. Ich irre mich vielleicht nicht, wenn ich voraussetze, dass Ihnen anscheinend danach zumute ist. Also bitte: Wenn die Entdeckungen Keplers und Newtons infolge irgendwelcher Konstellationen auf keine andere Weise hätten den Menschen bekannt werden können als durch die Opferung des Lebens eines einzelnen oder das von zehn, hundert oder mehr Menschen, die diese Entdeckung gestört oder sich ihr in den Weg gestellt hätten, so hätte meiner Meinung nach Newton das Recht gehabt und wäre sogar verpflichtet gewesen, diese zehn oder hundert Menschen zu beseitigen, um seine Entdeckung der gesamtem Menschheit zur Kenntnis zu bringen. Daraus folgt übrigens nicht, dass Newton das Recht gehabt hätte, jemanden beliebigen umzubringen, der ihm gerade über den Weg gelaufen wäre, oder täglich im Basar zu stehlen."



Erschöpft hielt er inne und sah zu Porfirij, der wie beim Pendellauf die Wand erreicht hatte und nun eigentlich hätte umkehren müssen. Jener aber stand mit dem Gesicht zur Wand und starrte diese drecktriefende Tapete an, deren Bahnen sich hier und da schon gelöst hatten.
Sollten es einst Blumenmuster gewesen sein, die sich da aus der gelbbraunen Masse herausschälten, so waren sie längst verwelkt.
Der Wandfaunafreund dachte an den Anstreicher, der des Raubmordes bezichtigt wurde und sich selbst die blutigen Blumen ins Fenster gestellt hatte. Ein trinkender einfacher Arbeiter und ein kranker Versager, der die Weltanschauung von progressiven Zellen besaß. Der Unterschied war so groß, dass es schon fast schmerzte. Gleichzeitig gefiel Porfirij das Spiel mit Raskolnikow. Zumal es vor Publikum stattfand. Er war zwar Gast im Theater seines Gegenspielers, aber er hatte die Hand am Vorhang. Er hatte das Ensemble (seiner Gedanken) aufgestellt. Er hatte das Stück geschrieben. Und seine Inszenierung war es, die beklatscht wurde, die man danach im Foyer diskutierte, oder in den Bierkellern am Getreidemarkt. Und die auf den Titelseiten der Zeitungen erscheinen würde. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg und die Frage sollte nicht sein: "Fliegt hier und jetzt faules Obst auf die Bühne, oder brandet Beifall auf?"...



...Es ist die Frage von Theorie und Praxis, die sich stellte. Sind Wahnvorstellungen ausreichend, um sich der Gefahr auszusetzen als Spinner, schlimmstenfalls als Mörder, zu gelten? Wird sein Stück ein Drama oder eine Tragikkomödie? Beides ist fesselnd, beides ist bühnentauglich. Und es ist wesentlich köstlicher als ein stumpfsinniges Geständnis eines Anstreichers. Beinahe wünschte er sich, trotz der Sympathie für den Hauptakteur, dass in SEINEM Garderobenschrank die zwei Frauenleichen schlummerten.
Er riss den Blick von der Wand und drehte sich zu Raskolnikow, der ihn aus einer Mischung zwischen Wut und Angst anstarrte.
"Nun? Weiter!", warf er ihm zu.
"Weiter, fällt mir ein, entwickle ich in meinem Artikel, dass alle, also zum Beispiel die Gesetzgeber und Beglücker der Menschheit, angefangen mit den ältesten, fortgesetzt mit Lykurg, Solon, Mohammed, Napoleon und so weiter, alle bis zum letzten Verbrecher waren, schon dadurch, dass sie, die selber neue Gesetze gegeben haben, dazu die alten zerstören mussten, die von der Gesellschaft heiliggehalten wurden, die von den Vätern überkommen waren. Natürlich machten sie auch vor Blut nicht halt, manchmal völlig unschuldigem und heldenhaft für das alte Gesetz vergossenem Blut, wenn einzig das Blut ihnen weiterhalf. Bemerkenswert sogar, dass der größte Teil dieser Wohltäter und Neuerer besonders viel Blut vergossen. Mit einem Wort, ich weise nach, dass alle, die nicht so groß sind, aber ein wenig die ausgefahrenen Geleise verlassen haben, das heißt, die ein wenig fähig sind, etwas Neues zu sagen, von Natur aus Verbrecher sein müssen- mehr oder weniger, versteht sich, sonst wäre es schwierig für sie, die Geleise zu verlassen; doch im Geleis zu bleiben, dem könnten sie natürlich nicht zustimmen, auf Grund wiederum ihrer Natur, und meiner Meinung nach sind sie sogar verpflichtet, nicht einverstanden zu sein. Mit einem Wort, Sie sehen, dass bis jetzt nichts Neues gesagt wurde. Das ist tausendfach gedruckt und gelesen worden.



Was jedoch meine Einteilung der Menschen in gewöhnliche und ungewöhnliche betrifft, da stimme ich dem zu, dass sie ein wenig willkürlich sind, doch ich bestehe ja nicht auf genauen Zahlen. Ich glaube nur an meinen Hauptgedanken. Er besteht eben darin, dass die Menschen sich nach einem Naturgesetz GANZ ALLGEMEIN in zwei Kategorien teilen: in eine niedere, gewöhnliche, das heißt, wie gesagt, in das Material, das einzig dazu dient, sich selbst zu reproduzieren, und dann in die eigentlichen Menschen, das heißt jene, die die Gabe oder das Talent haben, in ihrem Umkreis ein neues Wort zu prägen. Dabei gibt es selbstverständlich unendliche Differenzierungen. Die Menschen, die ihrer Natur nach konservativ und manierlich sind, leben in Gehorsam und lieben es gehorsam zu sein. Meiner Meinung nach sind sie zu Gehorsam verpflichtet, weil es ihre Bestimmung ist, und das hat für sie nichts Erniedrigendes. Die in der zweiten Kategorie übertreten alle das Gesetz, es sind Zerstörer, oder jedenfalls neigen sie dazu, je nach ihren Fähigkeiten. Die Verbrechen dieser Menschen sind natürlich relativ und mannigfaltig; zum größten Teil verlangen sie- in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen- die Zerstörung des Bestehenden im Namen des Besseren. Doch wenn es für einen solchen Menschen nötig ist, über Leichen zu gehen, Blut zu vergießen, dann kann er sich in seinem Inneren, in seinem Gewissen die Erlaubnis geben, über das Blut hinwegzusteigen- abhängig im übrigen von der Idee und ihrer Tragweite, wohlgemerkt! Ausschließlich in diesem Sinne rede ich in meinem Artikel von ihrem Recht auf Verbrechen. Sie erinnern sich, angefangen hatte es bei uns mit der juristischen Frage. Im übrigen gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Die Masse anerkennt dieses Recht der anderen fast niemals, sie richtet sie hin und hängt sie auf, mehr oder weniger, und erfüllt dabei vollkommen zu Recht ihre konservative Bestimmung, wobei in der nächsten Generation die Masse gleichwohl die Hingerichteten zu Helden erhebt und sie, mehr oder weniger, verehrt. Die erste Kategorie, das ist immer der jetzige Mensch; die zweite Kategorie, das ist der zukünftige Mensch. Die ersten bewahren die Welt und vermehren sie zahlenmäßig; die zweiten bewegen die Welt und führen sie ans Ziel. Sowohl die einen als auch die anderen haben ein vollkommen gleichwertiges Recht auf Existenz. Mit einem Wort, bei mir haben alle dasselbe Recht…Viva la guerre éternelle- hin zu einem neuen Jerusalem selbstverständlich!"



"So glauben sie dennoch an ein neues Jerusalem?"
"Ja", antwortete Raskolnikow fest. Während er das sagte, sah er zu Boden, wo auf dem Teppich ein Lichtpunkt tanzte. Unterbrochen vom Schatten des wippenden Fußes Rasumichins...
..."Keine Ursache; aber beziehen Sie in ihre Überlegungen ein, dass ein Irrtum doch nur auf Seiten der ersten Kategorie entstehen kann, das heißt bei den GEWÖHNLICHEN Menschen, wie ich sie- vielleicht etwas ungeschickt- genannt habe. Ungeachtet ihrer angeborenen Neigung zum Gehorsam mögen viele von ihnen sich auf Grund eines gewissen Spielraums ihrer Natur, der selbst einer Kuh nicht versagt ist, zu den progressiven Menschen zählen, zu den ZERSTÖRERN, und ein NEUES WORT prägen wollen, und das in völliger Aufrichtigkeit. Gleichzeitig bemerken sie die wirklich Neuen oft gar nicht, und diese werden sogar als zurückgebliebene und geistig niedrig stehende Menschen verschrien. Das aber ist nach meiner Meinung keine bedeutende Gefahr, und sie brauchen sich um nichts zu sorgen, denn diese gehen niemals weit. Für ihre Begeisterung kann man sie ab und zu natürlich verprügeln, damit sie sich an den ihnen gebührenden Platz erinnern, aber dazu ist nicht einmal der Vollstrecker nötig: sie werden sich gegenseitig verprügeln, denn sie sind sehr ordnungsliebend; manche werden einander diesen Dienst erweisen, andere werden sich eigenhändig…sie werden öffentlich verschiedene Bußen auf sich nehmen- das wirkt hübsch und lehrreich; mit einem Wort, es gibt nichts, was sie zu fürchten hätten…Es gibt ein solches Gesetz."



Draußen, jenseits des Fensters, in einem Hinterhof, oder auf der Straße, krachte ein Schuss. Unmittelbar darauf schrieen Menschen durcheinander, riefen nach der Polizei, nach einem Arzt, vielleicht, oder versuchten den Schussabgebenden zu fangen, ihn zu entwaffnen, vermutlich.
Im Flur, vor Raskolnikows offener Tür, hasteten Schritte, Geräusche vorbei. Das Getrippel von absatzfreudigen Damenschuhen, gefolgt vom Getrampel schwerer Stiefel, unterbrochen und kaum hörbar, vom barfüssigen Schleichgang eines Bewohners, der dazu gehörte, oder auf dem Weg zur Gemeinschaftstoilette war.
"Lass mich, lass mich!", schrie eine Frau im Treppenhaus, das es nur so hallte.
"Nun hab dich nicht so!", knurrte ein Mann mit schwerer Zunge.
Raskolnikow kannte die Stimmen aus dem Haus nicht. Aber sein waches und doch fiebrig-müdes Hirn war dankbar für diese kleine Unterbrechung, durch die sich seine Besucher abgelenkt sahen und zur Tür blickten, als ob sich diese übliche Szene zwischen Tochterhure und Vatersfreund in das Zimmer des Pritschenlägerigen verlagern könnte.
Nach wenigen Sekunden fiel unten die schwere Haustür der Mietskaserne ins Schloss und die Geräusche von draußen, jenseits des Fensters, Stimmen von weither, Hufgetrappel von Pferden einer Kutsche, gewannen wieder die Oberhand.



..."...Sagen Sie bitte, gibt es von diesen Menschen, die das Recht haben, andere abzuschlachten, von diesen UNGEWÖHNLICHEN viele? Ich bin natürlich bereit, mich zu fügen, aber sie geben gewiss zu, das es unheimlich ist, wenn es von ihnen sehr viele gibt, nicht wahr?"
"Auch das braucht Sie nicht zu beunruhigen", fuhr Raskolnikow fort. "Im Allgemeinen werden Menschen mit neuen Gedanken, die auch nur ein ganz klein wenig befähigt sind, etwa Neues zu sagen, ungewöhnlich selten geboren, sogar befremdlich selten. Nur eins ist klar, dass die Ordnung des Hineingeborenwerdens, die Ordnung all dieser Kategorien und Differenzierungen ganz sicher von einem Naturgesetz abgeleitet sein muss. Dieses Gesetz ist selbstverständlich bisher nicht bekannt, aber ich glaube daran, dass es existiert und folglich auch erkannt werden kann. Die riesige Masse der Menschen, das Material, ist auf dieser Welt nur dazu da, um schließlich über irgendeine Kraft, durch einen bis jetzt geheimnisvollen Prozess, mittels irgendeiner Kreuzung von Rassen und Sippen unter Anstrengung schließlich, sagen wir aus Tausenden, einen einigermaßen selbstständigen Menschen zu gebären. Mit größerer Selbstständigkeit ausgestattet ist vielleicht einer von zehntausend, mit noch größerer dann einer von hunderttausend, geniale Menschen aus Millionen und große Genies, die großen Führer der Menschheit, vielleicht aus vielen Tausenden von Millionen Menschen auf der Erde. Mit einem Wort, in die Retorte, aus der alles kommt, habe ich nicht hineingeschaut. Aber das bestimmte Gesetz gibt es unweigerlich; es kann nicht der Zufall sein."



Über ihnen polterte es dumpf. Auf dem Oberboden war ein Stuhl umgefallen. Über dem Stuhl blickten zwei weit aufgerissene Augen leer in den Raum, der durch den Sonnenuntergang aus den Dachfenstern in einen sanften Schimmer gebettet wurde. Die Füße über dem Stuhl zuckten und aus den weißen Leinenhosen rann eine braune Brühe, die auf die furztrockenen Bodenbretter platschte. Der Schließmuskel von Sosimow, dem Leibarzt von Raskolnikow, hatte seinen Dienst versagt. Kurz vorher war er verabschiedet worden. Auf den Entlassungspapieren stand als Grund die seelische Insolvenz des Körperdirektors. Aus dem steckrübenförmigen Pimmel des Strangulierten schoss Urin, der die Vorderseite der wirklich famosen Hosen von schneeweiß in grau färbte.
Irgendwo am anderen Ufer der Newa atmete ein Kind tief durch. Luft, Luft! Zwischen ihren Beinen brannte ein Feuer. Der Mann im weißen Anzug, der Arzt, der ihren Vater versorgte, hatte das Feuer gebracht. Irgendwann war Mutter nicht mehr gut genug gewesen. Und die Kopeken, die den Tod von Papa hinauszögerten, hatten den Wert eines stinkenden Fisches auf dem Markt unterschritten...



...Sametow blickte zu Rasumichin, dessen schemenhaftes Gesicht über dem Kerzenlicht zu glühen schien und der kaum noch an sich halten konnte. Jener ergriff dann auch wieder das Wort.
"Also, mein Lieber, wenn das tatsächlich ernst ist, dann…Du hast natürlich recht, wenn du sagst, dass all das nicht neu ist und dem ähnelt, was wir tausendmal gelesen und gehört haben; was aber wirklich originell ist an all dem und tatsächlich dir allein zukommt, ist zu meinem Entsetzen das, dass du Blutvergießen aus Gewissensgründen erlaubst und entschuldigst, gar mit derartigem Fanatismus…Darauf also läuft der Hauptgedanke deines Artikels hinaus. Diese Bejahung des Blutvergießens aus Gewissensgründen, das ist…das ist meiner Meinung nach befremdlicher als eine offizielle Erlaubnis dazu, als eine gesetzliche…"
"Völlig richtig, das ist merkwürdiger", stimmte Porfirij zu.
"Nein, du hast dich irgendwie verrannt! Hier steckt ein Irrtum. Ich werde den Artikel lesen. Du hast dich verrannt! Du kannst nicht so denken…Ich werde ihn lesen."
"In dem Artikel steht nichts davon, da stehen nur Andeutungen", sagte Raskolnikow.
"Genau, genau." Porfirij blieb mitten in seiner Auf- und Abwanderung abrupt stehen. "Jetzt ist mir ziemlich klar geworden, wie Sie beabsichtigen, das Verbrechen zu betrachten, aber…entschuldigen Sie meine Hartnäckigkeit- ich belästige Sie sehr, das ist mir selber unangenehm!-, sehen Sie, was die irrtümliche Vermischung der beiden Kategorien betrifft, haben Sie mich soeben sehr beruhigt, aber…mich beunruhigen jetzt ganz praktische Möglichkeiten! Wenn irgendein Mann meint, er sei ein Lykurg oder ein Mohammed- ein zukünftiger, versteht sich-, und sich deswegen daranmacht, alle Hindernisse zu beseitigen…Er stellt sich einen langen Marsch vor, für den er Geld benötigt…und fängt dann an, es sich zu beschaffen….verstehen Sie?"...



...Raskolnikow wischte sich mit der rechten Hand den Schweiß und das klebrige Haar von der Stirn. "Ich muss zugeben", antwortete er ruhig, "dass es solche Fälle wirklich geben kann. Die Dummen und die Eingebildeten gehen besonders leicht in solche Fallen, natürlich erst die Jugend."
"Sehen Sie! Nun, und dann?"
"Das ist genau dasselbe", lachte Raskolnikow. "Ich bin nicht daran schuld. Das gibt es seit jeher und wird es immer geben. Er"- er nickte zu Rasumichin hin- "hat gerade gesagt, dass ich Blutvergießen erlaube. Ist das so? Die Gesellschaft ist gesichert durch Verbannung, Gefängnisse, Untersuchungsrichter, Zwangsarbeit- wieso soll man sich sorgen? Und den Dieb suchen?..."
"Nun, wenn wir ihn finden?"
"Dann ist das sein Weg."
"Sie sind logisch. Nun, und sein Gewissen, was ist damit?"
"Ja, was kümmert sie das denn?"
"Nun, wegen der Humanität."
"Wer eins hat, der soll leiden, wenn er sich eines Irrtums bewusst wird. Das ist auch seine Strafe, abgesehen von der Zwangsarbeit."...



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