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04.01.2011, Heft "Gellert Szenario 13" ist da!



Jo, denn...neues Jahr, neues Glück. Bestellmailadresse: Gellert-Szenario(at)web.de
Mir schreiben, Bankverbindung abfragen und Postanschrift durchgeben.
Preis: 1,50 Euro plus 0,90 Euro Porto für 48 Seiten Zeugs um Liebe, Fussball, Literatur (Erzgebirge) und Scum (Wo kämen wir sonst hin?).



Außerdem wünscht der Page- und Bücherschreiber und Fotobauer und Videowerker allen Pagebesuchern zwischen Finnland und Griechenland (so meine Statistiken hier) ein schönes und nettes und anschmiegsames 2011.

16.12.2010, Winter, Winter...ungefiltert...untrügliche Zeichen, gern auch in Haufenform...



Schlafende Batterie, bewacht durch putzmuntere Schuhe...



Radieren Sie den Weihnachtsmarkt frei...



HOCHwinter



Nichts für Fussfetischisten...



Ein aufrechter Aufsteller kündet von Ereignissen, die gegen Sommerfrische sprechen...



Ein aufrechter Herrscher ohne Bommelmütze wacht über Marienberg...



Ein junger Schneemann namens Tequila sagte "Hallo" zu mir...

19.11.2010, Die Battle: Gisela meets Gorgonski...

Den Sicherheitsbedenken zum Trotz, trotze ich den Schachtelsätzen. Was kann mir schon passieren? Ich sichere mich gern ab und rückversichere mich. Ein Schulterblick schweift durch den toten Winkel und ich sehe Sätze, wie in Stein gehauen.
("Wenn man regelmäßig sein Geld brauchte, sollte man beim Amt bleiben, das war zwar ein Sicherheitsdenken von Leuten, die ihre Gummipuppe mit Kondom befriedigten, aber so gesehen auch nicht falsch." - Bückware#1)
Und ich kaufe mir absichtlich kaputte Autos und ich esse grundsätzlich verdorbenen Joghurt und ich sorge mitnichten dafür, dass neben der Kloschüssel kein Toilettenpapierrest mehr rumsteht. Und wenn ich mich ärgern will, dass ich kein Aufwasch-Abwasch-Kartoffelkoch-Wasser mehr habe, dann drehe ich den Haupthahn im Keller zu. Und dann stehen wir alle vorm Hause und ärgern uns gemeinsam...



Ich sehe eine Frau in heller Bluse, in dunklem Rock eilig dem Zentrum der Stadt zu gehen. Ich laufe hinter ihr her, an diesen dichter und dichter nebeneinanderliegenden Läden vorbei, zwischen diesen ladenein, ladenaus laufenden Leuten, diesen um Haltestellenschilder herumstehenden Leuten, diesen auf haltende Straßenbahnen zu laufenden, hinter davonfahrenden Straßenbahnen herlaufenden Leuten. Ich laufe hinter einer Frau in einer hellen Bluse, in einem dunklen Rock her, laufe hinter einer Frau in einer dunklen Bluse, in einem hellen Rock her, hinter einer Frau in einer roten Bluse, in einer grünen, einer blauen Bluse, in einem schwarzweiß karierten Rock, in einem roten, grünen, blauen Rock.



…und dann ärgert sich die Wohnungsverwaltungsmitarbeiterin, dass sie trotz Feierabend ihrerseits (ihr Mann ärgert sich unterdessen, dass er den Steppke aus dem Kindergarten holen muss), den schon in den Feierabend verschwundenen Facilitymanager aus seinem Versteck holen muss und jener ärgert sich, dass man sich nicht mal sicher sein kann, pünktlich zu seinem Feierabend zu kommen...



Am gegenüberliegenden Ufer, auf einer der lehnenlosen Bänke hinter dem Kiesweg hinter dem Rasenstreifen mit den in regelmäßigen Abständen im Rasen steckenden Schildern, sehe ich einen sitzen, den ich zuerst für einen auf der Bank liegenden und von der Bank herabhängenden, aus den Röcken der Ruderer bestehenden Kleiderhaufen gehalten habe, klein und durch die Entfernung verkleinert wahrscheinlich und schwer erkennbar, sehe ihn den Kopf von Brücke zu Brücke drehen und zwischendurch Blicke aufs Wasser werfen, auf die Ruderer, auf die Ruderer zwischen uns, auf mich vielleicht, mich vielleicht zuerst für einen auf der Bank liegenden und von der Bank herabhängenden, aus den Röcken der Ruderer bestehenden Kleiderhaufen haltend, und dann für einen, der klein sitzt auf einer lehnenlosen Bank und durch die Entfernung verkleinert wahrscheinlich und schwer erkennbar, den Kopf von Brücke zu Brücke drehend und zwischendurch Blicke aufs Wasser werfend.

…und dann geht der Facilitymanager noch dreimal zurück in seine Werkstatt und nimmt sicherheitshalber jedes Mal immer dann doch den nächst größeren Schraubenschlüssel ("Man kann ja nie wissen.", brabbelt er in seinen Bart.). Und dann fährt er los, zu mir, zu den anderen Mitbewohnern, von denen keiner weiß, außer mir, dass die Rohrleitungen intakt sind, dass das Wasser fließen würde, wenn es könnte, wie es wollte...



"Was? Was?" ruft der Ruderer. Er dreht dem gegenüber, mir den Kopf zu, lässt sich dann, das Gesicht auf die rechte Brücke gerichtet, auf die linke Brücke zu treiben, ohne eine Antwort auf meine Frage, auf die Frage dessen gegenüber, ohne eine zweite Frage nach meiner Frage, nach der Frage dessen gegenüber, falls der gegenüber überhaupt etwas gefragt hat, denn ich habe nichts gehört und der Ruderer hat nichts verstanden, lässt sich weiter nach links treiben, der Ruderer, vielleicht, weil er glaubt, dass der gegenüber und ich nicht ihm, sondern dass wir einander eine Frage gestellt hätten. Denn der gegenüber und ich, wir sehen nicht den Ruderer an, wir sehen einander an, denn der gegenüber und ich, wir drehen uns den Bänken zu. Ich gehe zur Bank, auf der ich bisher gesessen habe, zurück. Ich wende mich im Gehen nach dem Gegenüber um, um zu sehen, ob er sich im Gehen nach mir umwendet, sehe ihn im Gehen sich nach mir umwenden, um zu sehen vielleicht, ob ich mich im Gehen nach ihm umwende. Und wir sehen uns im Gehen nacheinander umwenden. Und wir drehen hastig die Köpfe den Bänken zu, das heißt ich wende mich nicht mehr um und kann nicht wissen, ob er sich umwendet, so wie er, falls er sich nicht mehr umwendet, nicht wissen kann, ob ich mich umwende, so wie er, falls er sich umwendet, weiß, dass ich mich nicht mehr umgewendet habe. Ich setze mich auf die Bank. Ich sehe den gegenüber auf der Bank sitzen, wie er mich sich gegenüber auf der Bank sitzen sehen müsste. Wer hat sich zuerst gesetzt? Ich oder beide gleichzeitig oder er. Hätte ich mich zuerst auf die Bank gesetzt, hätte ich ihn sich setzen sehen müssen. Ich habe ihn nicht setzen sehen. Hätten wir uns gleichzeitig auf die Bänke gesetzt, hätte weder er mich, noch ich ihn sich auf die Bänke setzen sehen können. Hätte er sich zuerst auf die Bank gesetzt, hätte er mich setzen sehen müssen.
"Haben Sie mich setzen sehen?" rufe ich, die Hände trichterförmig vor den Mund haltend, über den Fluß.



…und als der schraubenschlüsseltragende Mensch der Wohnungsverwaltung im Keller an den Rohren hantiert und wir ihn umringen, händeringend, außer ich, der ich weiß, dass das Wasser flussbereit wäre, wenn es nicht durch den Eingriff eines Saboteurs daran gehindert würde, rufe ich also lauthals aus: "Das ist aber nicht das erste Mal, dass uns das Wasser abhanden kommt!" Und ich höre Zustimmung der kreisbildenden, also beinahe kreisbildenden, denn an einer Stelle steht ja der (jetzt) rohrzangenbedienende Facilitymanager, uns den Rücken zugewandt, uns seinen schweißnassen Nacken präsentierend, uns durch Stöhnen und lautes Schnaufen kundtuend das er ja alles versuchen würde...

Ich würde ihn wieder für einen Kleiderhaufen halten, wie er mich vielleicht, hätte ich ihn nicht aufstehen, gehen, auf und nieder weisen sehen, sich umwenden, wie er mich vielleicht.

...Und am Abend stehe ich in der Küche und sehe, dass ich gar keine Kartoffeln zum Schälen habe und ich stelle naseweis fest, dass ich ohne Kartoffeln nichts kochen kann und ohne was gekocht zu haben, kriege ich den Teller, was sage ich, den Magen nicht voll und ohne vollen Teller, der dann leer und mit vollem Magen, einen überaus schmutzigen Eindruck macht, den man beheben könnte, hätte man Abwaschmittel im Haus, in der Küche, und der volle Magen, den man hin und wieder sitzenderweise, oder in anderen Kulturen hockend, mitunter sogar stehend, oder verrenkend, bei Kaviarakrobaten, entleeren müsste, grummelt nun herum und ich denke mir: "Warum hast du nun eigentlich Klopapier im Haus?"
Und dann gehe ich zu meinem Nachbarn, klingle und reiche ihm die Rolle und sage: "Ist nur für ihre Sicherheit, falls es mal ausgeht, bei ihnen."

25.10.2010, Autorenaustausch Literatur Most - Literatur Erzgebirge...

...am 24.10.2010 in Most (CZ). Wir danken den Gastgebern für das gemütliche Beisammensein, gesprochene und gesungene Worte, Speis und Trank. Hier ein paar Impressionen









































14.10.2010, Vom Teufel und dem Tubenkatarrh und so…

"Na, was ham mer nu wieder?", begrüßte mich der im Nachbardorf ansässige Allgemeinmedizinschamane, während ich in den bereitgestellten Stuhl plumpste und nach dem Marsch in das Nachbardorf unter dem Schreibtisch meine breit gestellten müden Beine in Gedanken ausschüttelte.
"Nach dem Atherom suche ich eine neue mysteriös klingende Erkrankung. Sie sollte gutartig sein und man sollte mir ohne Ansteckungsangst auch weiterhin die rechte Hand schütteln können.", entgegnete ich.



Er, der Schamane und Objekt der Begierde einer ganzen Kolonne von Azubinen hinter der Praxistheke, drehte sich um, sprang aus seinem komfortablen Sessel und schritt einen Meter nach links und einen Meter nach rechts das Regal auf und ab, wo sich die Bücher mit einem Minimalgewicht von 3 Kilo aneinanderlehnen.
"Gibt es einen bestimmten Wunsch? Einen Zweisilber oder darf's ein bisschen mehr sein?"
Wie die Oma vor der Metzgereiverkäuferin, die immer heimlich den Daumen mit auf die Waage drückt, saß ich da und sagte "ja" zu mehr.
"Irgendeine Idee…so eine grobe, was wir machen könnten?"
Ich spürte schon seit Wochen einen Druck auf dem rechten Ohr, bis hin zur zeitweisen Taubheit. Dieser Zustand lag bedenklich nahe am Verschwinden eines Wattestückchens von einem Wattestäbchen, welches ich mir ohral eingeführt hatte. Infolgedessen war ich zweimal bei meinen Mitbewohnern im Haus und hatte mir unter dem Vorwand eine komplizierte Operation am offenen Computer ausführen zu wollen, eine Pinzette geborgt. Später betrieb ich Sortimentswechsel und stocherte drehend mit einer Schraube im Ohr herum. Dazu kamen Kugelschreiberminen, Nägel, Gleitcreme, das Ende eines wattefreien Wattestäbchens (um den Rest zur Familie zu locken) und diverse andere Mittelchen. Das Problem blieb. Dazu kamen noch ein entzündeter Zahnnerv und eine verschleppte Grippe.



"Ich habe Optionen.", meinte ich.
"Soso."
"In erster Linie legt sich mein rechtes Ohr mit mir an."
"Na das ist doch was.", meinte er und fuhrwerkte schon mit einem Ohrenspiegel in meinem Ohr herum.
"Da haben wir einen klassischen Tubenkatarrh.", sagte er freudestrahlend und notierte es sogleich in meine Pflegedokumentation.
"Das klingt gut.", entgegnete ich und schüttelte ihm die Hand, da Tubenkatarrhe nicht ansteckend sind.
"Inhalieren und Nasentropfen beheben das Problemchen.", rief er mir nach, als ich die wuchtige Eichentür ins Schloss fallen ließ und an den winkenden Azubinen aus der Praxis eilte.
Unterm Strich war ich doch etwas enttäuscht. Hatte ich mir doch insgeheim eine Amputation der rechten Gesichtshälfte, oder zumindest eine Entfernung des Ohres mit allem drum und dran gewünscht. Mit so einer operativen Maßnahme bringt man Schwung in sein Leben und Geld in die Brieftasche. Das überflüssig gewordene Ohrlappenpiercing hätte ich natürlich verkauft…wo denkt ihr hin, liebe Leser?! Und ich bräuchte nur noch einen Monokopfhörer für mein Smartphone und ohne eine Gesichtshälfte könnte ich Rasierwasser sparen und mich mit Hut vor die Galeria Kaufhof in C setzen. Undsoweiterundsofort.
Jetzt labere ich und labere und dabei sollte es heute um die Hölle gehen und den Teufel. Also die B-Seite von Gottes Gnaden oder wie Pink Floyd mal albumisierte "The dark side of the moon".
Wo war ich stehengeblieben, wer hat mich sitzengelassen? Achso. Gott.
Gott vergab mir nichts.



Also sitze ich im Jahr 2023 in einem riesigen Müllcontainer mit sechs rundum angeordneten Luken, wo die Bewohner ihre ausgefransten und gefüllten Plastiktüten rein werfen. Den Tubenkatarrh habe ich vor fünf Jahren behandeln lassen. Ich hielt es nicht mehr aus in meiner Therapietrommelgruppe mit dem Stuhl seitlich im Kreis zu sitzen, um etwas von dem Gepolter und semiprofessionellen Gelärm gegen eigene Psychoschäden mitzubekommen.
Die Operation war von Anfang an eine Komplikation. Trommelfell und Ohrmuschel wurden komplett entfernt. Die Wunde unter dem Verband, der dreimal täglich gewechselt werden musste, heilte nie richtig, fraß sich vielmehr in die rechte Gesichtshälfte hinein und so fiel mir eines Tages beim vorn übergebeugtem Essen das Auge aus der Augenhöhle und kullerte unter den Tisch, wo es sich mein ewig bettelnder Hund sofort einverleibte.
Um den Dissens zwischen rechter und linker Gesichtshälfte auszugleichen, entschied ich mich dafür, die Nase amputieren zu lassen. Den Mund wollte ich vorerst behalten. Einerseits um den Chirurgen weiter problemfrei meine Sorgen mitteilen zu können andererseits…was will ich an einem Essen riechen, wenn ich nebenher durch eine Sonde ernährt werde? Dann eher doch essen, mit Mund und Zähnen und allem was dazu gehört.
Weil man mein Aussehen nicht ertrug und ich mich weigerte, besser die Krankenkasse, mir eine Gesichtshälftenprothese fertigen zu lassen, verbarrikadierte ich mich daheim. Inzwischen waren mehrere Vollstreckungsbescheide gegen mich im Gange (die Nasenamputation schlug mit 5000 Euro zubuche, denn sie galt als Schönheits-OP) und in einer Nacht und Nebel- Aktion setzte ich mich in den Zug und fuhr nach Berlin. Ich hatte richtig spekuliert: die Kontrolleure in der Bahn wagten es nicht in meine Nähe zu kommen, so schlecht war meine Fassade anzuschauen.



Es folgte eine Odyssee durch Berlin (tagsüber schlief ich zwischen Sperrmüll in Hinterhöfen), nachts schlich ich Häuserwände entlang, auf der Suche nach einer Heimat, nach einem Plätzchen der Ruhe, wo ich mein Dasein fristen konnte, ohne das man mich mit Centstücken bewarf.
Der logische Weg führte mich ein Nobelviertel zu Nobelviertelmülltonnen, wo Nobelviertelabfall produziert wurde. Und dort entdeckte ich diesen riesigen Müllfresser und kroch hinein. Glücklicherweise rieche ich nicht wie es stinkt, wie ich stinke, ich sehe nur kurz, wenn eine Luke aufgeht, den Kaffeesatz, die Zigarettenstummel (die Trockenen mit Resttabak rauche ich dann fertig), die Essensreste, Damenbinden, Windeln und so 'n Krimskrams. Manchmal sind auch Kerzenstummel dabei und ich kann dann ausrangierte Zeitschriften lesen, die sich in den Hausmüll verirrt haben. Ansonsten hocke ich am Rand um nicht gesehen zu werden und spekuliere, welche der sechs Luken als nächstes geöffnet wird. So geht das schon Monate und wenn es kalt ist, wie jetzt, freut man sich über warmen Müll aus warmen Wohnungen. Dann grabe ich mich richtig tief hinein und lasse nur meine geborstene Gesichtshälfte an der Oberfläche, die sich von der Umgebung nicht weiter unterscheidet.
Ich weiß, dass ich nicht in den Himmel kommen werde, denn Gott würde unter seinem Haar, unter seinem Bart, erblassen, wenn ich vor ihm stünde. Deshalb richte ich mich auf die Hinabfahrt in die Hölle ein. Dort werde ich sicher eine gravierende Rolle in den Plänen von Meister Flammenfuß spielen. Er liebt gescheiterte Existenzen, die natur belassen und marode sind. Er hasst gescheiterte Existenzen in Maßanzügen, die dort unten aus Gewohnheit versuchen nach oben zu kommen. Ich werde ihm zur Hand gehen und diese Unart unterbinden helfen. Somit habe ich wenigstens auf moralischer Ebene mein Gesicht gewahrt. Oder das was davon übrig geblieben ist.
Ja.

01.09.2010, Von Gott und den Toten und so…

So, bevor wir nun wieder die windschiefe Kellertreppe hinuntertapsen, das gelbliche Licht einer der letzten Nicht-Energiesparlampen aufflammt und in der Lampenhülse die toten Fliegen präsentiert, um die Doppelfenster, die für gewöhnlich in Reih und Glied zwischen Einkellerungskartoffeln und losen Briketts an der unverputzten, mitunter auch etwas feuchten Wand lehnen, heraufzuholen, möchte ich doch noch etwas hier ins Tagebuch schreiben.
Der Winter ist nah, die abgeernteten Maisfelder stinken aus den verankerten und gebückt stehen gebliebenen Stängeln und das Thermometer zeigt nur noch 62,6 Grad Fahrenheit.



Die geringschätzig betrachteten Geringverdiener der dörflichen Gemeinden hängen ihre Sensen, Heckenscheren, Rechen und Schaufeln an den Nagel und rauchen wieder den ganzen Tag aus dem Fenster. Schön. Betulich. Romantik, die mein Herz erwärmt.
Oma Else macht unten Heftpflaster auf die Sohlen ihrer ‚Asics Gel'. Vorsorglich. Es wird auch glatt werden, wie jeden Winter.
Ursprünglich wollte ich hier meine Dissertation mit dem sagenhaften Titel "Das Hochstaplersyndrom im Wandel der Zeit unter Berücksichtigung der Evolutionsfortschritte im femininen Familienbereich" publizieren, aber vermutlich würde mir dies keinen Doktortitel einbringen, denn habilitierte Dozenten oder Professoren rufen diese Homepage nicht auf. Eher Maurer, arbeitslose Maurer und Maurer im Testpraktikum. Und natürlich Frauen, frisch geduschte Frauen, frisch geschminkte Frauen und Frauen mit Schimpfkanonaden im Schubfach.



Also keine Hochstaplersyndrompräzedenzfälle, eher so Larifaridurchschnittsbevölkerungskram. Gehobene Subjekte, die ich für meine Untersuchungen benötigt hätte, haben sich in letzter Zeit wenig in meinem Dunstkreis aufgehalten, egal wie weit ich meinen Aktionsradius ausdehnte.
Naja, egal, unterm Strich sind außerdem alle gleich, wenn man den Strich lang genug zieht.
Und vor Gott sowieso. Was hat man eigentlich an Kleidung auf dem Leib, wenn man dem Schöpfer gegenübersteht und seine Rechenschaft über das Leben von der Blüte bis zur Reife und letztendlich zur Fäulnis ablegt? Ein Totenhemd? Das wäre dann demzufolge analog dem Daily Terror- Klassiker "Das letzte Hemd hat keine Taschen". Schwierig. Aber der Anfang eines Themas, worüber man reden könnte. So sei es. Lest nun.
Also Gott sitzt da so rum auf seinem Thron, der Rauschebart ist gekämmt, grau und gekämmt und lang. Er fällt locker in seinen Schoß, wie sein Haar auf die Schultern.
Da wir alle gleich sind, wenn wir vor ihm stehen, abzüglich der Pechvögel im irdischen Dasein, die irgendwelche Extremitäten an Drehbänken; bei Autounfällen; an Kreissägen; beim unvorsichtigen Ausschreiten auf Minenfeldern; bei Motorradunfällen; bei Tribüneneinstürzen in Fußballstadien (hatten wir lange nicht, wird wieder mal Zeit); bei Querschlägern in Krisengebieten; bei Raucherbeinen durch Nikotinübersättigung, die entfernt werden müssen; bei gezielten Raketenangriffen in Krisengebieten; bei S-Bahnsurfern, die ihre gravitative Kraft im Vergleich zum entgegenkommenden Zug oder dem Tunnelbogen überschätzen; bei aktiven Mitgliedern im Kannibalenchat; bei Tigerdompteuren oder Krokodilbeschwörern; bei Gleisbauern mit MP3-Player-Musik im Ohr; bei Surfern auf Partys mit Haiüberschuss; bei Selbstverstümmlern, die Versicherungsprämien kassieren wollen…verloren haben.



Im Zuge einer Zugfahrt ziehen so manche Gedanken vorüber. Vor allem wenn man brautschauend reisend verweilt.

(Habe ich jemanden vergessen? Dich, der Du Dir diese Zeilen zu Gemüte führst und Dich jetzt somit diskriminiert fühlst? Ich entschuldige mich vorsichtshalber…eine Multiplikation von negativen Extremitäten, also wenn sich zwei Betroffene zusammentun und dem einen ein Bein und ein Arm und dem anderen ein Arm und ein Bein fehlt, kommen sie unterm Strich dann doch komplett vor Gott, sofern sie sich multiplizieren wollen. Konnte ich Trost spenden? Fein. Aber, aufgepasst: Ein Mensch mit allen vorhandenen Anhängseln sollte dies nicht mit einem Menschen tun, der durch das Leben eine fleischliche Subtraktion erlitten hat. Den beiden Multiplikatoren würden dann mehr Dinge abhanden kommen, als ihnen lieb ist.)

So stehen wir also vor Gott und haben was an? Totenhemd. Basecap. Turnschuhe.
Die Ketten, Ringe und Piercings haben die Bestatter entfernt und den Angehörigen übergeben, oder ins Pfandleihhaus gebracht. Glücklich sind die Menschen, die auf Bodymodifikationen stehen und sich irgendwelches Zeugs implantiert haben. Das bleibt drin. Traurig sind die gottesfürchtigen Toten, denen man vor der Heimkehr die Hörgeräte entnommen hatte. Sie werden anderweitig kommunizieren lernen müssen. Der beindezimierte Tote wird von einem maximal ausgestatteten Toten herumgetragen und darf auch bei der Beichte vor Gott sitzen. Ein spätes Privileg. Ehemalige Gleisbauer oder verunglückte Flugreisende dürfen liegen. Dafür sind sie meist nackt oder verschleiert. Der religiöse Selbstmordattentäter hängt eine Tür weiter ab, wo sein Gott rumhockt. In welcher Haltung? Wer weiß das schon und ich persönlich würde nicht konvertieren, um das herauszufinden.



Der Style, die Kleidung, vor Gott. Totenhemd. Kein BH. Frappierende Ausblicke für den Langbärtigen. Abgeschminkte und unrasierte Frauen und attraktive Männer mit Drei-Tage-Bart. Wenn die Warteschlange vor dem Thron sehr lang ist, mitunter eine Woche, dann suchen Frauen die Tür zum Nagelstudio, oder zum Frisör, immerhin ist Gott, was das anbelangt, gut in Schuss, also müsste es so was geben. Aber nach dem Vestibül kommt nichts mehr, da steht der Thron dann und dahinter ist nur Leere. Licht.
Was wird man gefragt von ihm, der da so stattlich herumsitzt und dessen Gesichtszüge zwischen Wolllust und träger gelangweilter Schlaffheit pendeln? Lest nun.
In allererster Linie geht es ums Schaffen. Im Leben. Wenn vor einem eine Hortklasse in der Reihe steht, die innerhalb des Botanikunterrichtes auf einem Feld mit hoch stehenden Ähren vom Mähdrescherfahrer übersehen wurde, hat man wenig Zeit sich die Worte im Kopf zurechtzuformulieren.
Man sieht sich genötigt so Sätze zu kreieren wie: "Naja, es war ganz schön. Hätte alles schlimmer kommen können. Ich habe getan, was getan werden musste."
Gott langweilt sich deshalb mitunter und sagt: "Der Nächste!"
Und so kann man nicht mal mehr hinzufügen: "Mal sehen, was der Tag so bringt."
Ist ja auch Blödsinn, denn dort oben gibt es gar keinen Tag, das ist eher so ein Konglomerat aus NICHTS und LEERE. Und Uhren haben wir alle nicht mehr, um dieses NICHTS in eine ZEIT zu pressen.



Später gibt es eh keinen Fernseher mehr...

Nach der Rechenschaftslegung geht es wieder ganz hinter, an all den Wartenden vorbei. Irgendwo steht dann ein Engel und nimmt den Toten an die Hand. Mit ihm wandelt man durch einen Garten zu einem riesigen Werk. Dort sitzen hunderte Tote drin und dort laufen hunderte Wolkenwebmaschinen. Man bekommt paar Arbeitsschutzschuhe, eine kurze Belehrung und dann darf man Wolken in Wannen mit Rädern unten dran stopfen, die in konstanter Geschwindigkeit hinten aus den Maschinen herausträufeln. Das ist langweilig. Wenn man Glück hat, steht an der Nachbarmaschine ein Toter, der zu Lebzeiten kein Hörgerät besaß. Mit dem kann man sich prima austauschen, was so zu Lebzeiten passiert ist, natürlich ohne die Arbeit zu vernachlässigen. Ab und an sollte man sich schon was von der Seele reden können, Gott hat ja im NICHTS keine ZEIT, vermutlich. Außer bei toten Prostituierten, da flattern seine Hände immer durch den Rauschebart und da ist es ihm plötzlich egal, wie lang die Schlange ist. Jaja, so isser, der Gott.



Und überhaupt ist das alles so kompliziert mit Frauen...

Gut. Nun gehe ich Doppelfenster putzen. Ich will im Winter die Wolken ziehen sehen und darüber sinnieren, wie schwer die Toten schuften müssen, um uns so ein bissel Spektakel bieten zu können.



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